Speisenackthafer

Entwicklung eines flugbrandresistenten, nahezu vollständig spelzenfreidreschenden Speisehafers mit kaum behaarten Körnern, die in der Verarbeitung eine hohe Viskosität erreichen.

(Die Projektberichte zu Bildekräften und Morphologie beim Hafer finden sich bei den Publikationen - Jahre 2011 und 2013)

Die im Handel erhältlichen Haferflocken werden gewöhnlich aus bespelztem Hafer hergestellt. Durch Anfeuchten und Darren werden die Spelzen spröde gemacht und lassen sich dann leichter abtrennen. Diese thermische Behandlung führt dazu, dass die Proteine des Hafers denaturiert werden, so dass die Fette dann nicht mehr enzymatisch verändert werden können und das Ranzig-Werden verlangsamt, sowie die Lagerfähigkeit erhöht wird. Neben dem Bedarf an Haferflocken besteht aber auch ein Interesse an ganzen unbeschädigten Haferkernen zur Verwendung in der Getreidevollwertkost. Zu diesem Zweck wird spelzenfreidreschender Hafer ("Nackthafer") angebaut, der aber oft eine nur geringe Ausbeute an marktfähiger Ware bietet. Ein Problem ist auch der Anteil bespelzter Körner, die immer auch mit Verlusten an spelzenfreien Körnern entfernt werden müssen. Daneben gibt es große Verluste durch Bruchkorn wegen allzu lang-schmaler Körner und einer zu breiten Sortierung der Körner im Erntegut von sehr klein und fast rund bis groß und lang. Oft beträgt die Ausbeute an markfähiger Ware daher nur 50% der Ernte; der Rest muss verfüttert werden.

Die nachfolgenden Bilder mit verschiedenen Rispentypen enthalten in der linken oberen Ecke jeweils drei Ährchen aus dem unteren, mittleren und oberen Bereich der Rispe. Mit einem weißen Punkt wurde an der Rispe die Stelle vermerkt, an der die Ährchen entnommen wurden. Jedes Ährchen enthält mehrere Blüten und pro Blüte bildet sich ein Korn. Das Bindeglied von Blüte zu Blüte wird mit Stielchen bezeichnet.

An der Rispe des Spelzhafers (Bild 1) finden sich typischerweise Ährchen mit 2-3 Blüten. Sofern in einer Rispe zwei- und dreiblütige Ährchen vorkommen, finden sich die zweiblütigen mehr im unteren, zentral gelegenen Teil der Rispe, die dreiblütigen im oberen und peripheren Bereich. Dazwischen können Ährchen gefunden werden, die zwar drei Blüten haben, bei denen aber die dritte nur unzureichend ausgebildet und oft verkümmert ist. Der Übergang vom zentralen zum peripherischen Bereich der Rispe ist zusätzlich von einer mehr oder weniger deutlich ausgeprägten Längenzunahme der Stielchen begleitet. Das ist die Verbindung zwischen den einzelnen Blüten eines Ährchens. Auch sind die Stielchen zwischen der ersten und zweiten Blüte meist kürzer als zwischen der zweiten und dritten Blüte.

Die Unterschiede beim Aufbau der Ährchen vom zentralen zum peripheren Rispenbereich können noch sehr viel deutlicher ausgeprägt sein (Bild 2). Sowohl eine Zunahme der Stielchenlänge, als auch der Anzahl der Blüten pro Ährchen auf bis zu fünf, kann dann festgestellt werden. Auch in diesem Falle sind innerhalb eines Ährchens die Stielchen zwischen der ersten und zweiten Blüte kürzer als zwischen der zweiten und dritten Blüte. Parallel zur Streckung der Ährchen werden bei den peripher gelegenen und zugleich mehrblütigeren Ährchen mit verlängerten Stielchen die Haferkerne von zunehmend weicheren Spelzen nur noch leicht umhüllt. Die basal-zentral gelegenen, dreiblütigen und kurzstieligeren Ährchen weisen Körner auf, die fest von ledrigen Spelzen umschlossen sind. Im Erntegut solcher Rispen findet sich ein erheblicher Teil bespelzter Haferkerne.

Die Vielblütigkeit kann auch bereits im unteren Rispenbereich einsetzen (Bild 3). Dann finden sich bereits weit überwiegend spelzenfreie Haferkerne und die noch bespelzten Körner stammen von Ährchen aus dem zentral-basalen Bereich der Rispe; innerhalb der Ährchen von den zweiten oder dritten Blüten. Die erste Blüte eines Ährchens entlässt das Korn bereits aus den etwas weicheren Spelzen. Auch bei diesem Rispentyp sind die Stielchen zwischen erster und zweiter Blüte kürzer als zwischen zweiter und dritter Blüte.

Die sich abzeichnende Entwicklung von Stielchenverlängerung und Vielblütigkeit in Verbindung mit spelzenfreiem Drusch kann noch stärker ausgeprägt sein (Bild 4). Unter diesen Umständen finden sich im Erntegut nach Siebung und Windsichtung keine bespelzten Körner mehr. Wie sich an der Vielzahl der Blüten und der Ährchenlänge aber bereits ablesen lässt, sind die Haferkerne im Erntegut lang, schmal und somit sehr bruchempfindlich, und innerhalb eines Ährchens zur Spitze hin immer kleiner und kleiner werdend. Zudem können die sehr langen Stielchen bei stürmischer Witterung leicht durchbrechen. Für den praktischen Anbau ist dieser Rispentyp weniger empfehlenswert. Er macht aber auf einen Zusammenhang deutlich, der für die weitere züchterische Bearbeitung von Interesse ist.

Innerhalb eines Ährchens verkürzen sich die Stielchen stetig und sind zwischen der ersten und zweiten Blüte eines Ährchens am längsten. Bei allen vorherigen Rispentypen war das Stielchen zwischen der ersten und zweiten Blüte kürzer als zwischen der zweiten und dritten Blüte eines Ährchens und damit einhergehend traten bespelzte Körner auf. Den vergleichenden Betrachtungen zufolge ist es diese Stauchung im Ährchen die mit festeren, sich beim Drusch nicht lösenden Spelzen einhergeht. Dies weist den Weg zur Lösung des praktischen Problems.

Es müsste Rispentypen geben, die nur 3-5 Blüten pro Ährchen haben, bei denen aber das Stielchen zwischen erster und zweiter Blüte länger als zwischen zweiter und dritter usw. ist. Wäre diese Eigenschaft gut ausgeprägt, dann dürften alle Haferkerne freidreschend sein und die Stielchen nicht so leicht brechen wie bei den 5-9 blütigen Ährchen; auch die Kornsortierung wäre ausgeglichener. Als dieser Zusammenhang erkannt war, fand sich eine Rispe die diesem Typ bereits sehr nahe steht und die gewünschten Eigenschaften vereinigt (Bild 5). Die etwas ovaler geformten Kerne waren zudem bei Drusch und Aufbereitung weniger bruchgefährdet. Die Ausbeute an marktfähiger Ware liegt unter Praxisbedingungen bereits bei ca. 70%. Dieser Speisenackthafer ist unter der Bezeichnung "Nusso" in der Genbank Aberdeen, Idaho, USA unter der Nummer PI 564722 und in der Genbank Braunschweig-Völkenrode unter der Nummer BGRC 66223 registriert.

Als ein weiterer Gesichtspunkt in der Züchtung von Speisehafern folgt der Gehalt an löslichen Ballaststoffen, insbesondere an beta-Glucanen, die in die Selektion mit einzubeziehen sind, da die positive Wirkung des Hafers bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit diesen Substanzen in Verbindung gebracht wird. Erklärt wird dieser Zusammenhang mit der Bindung der Gallensäuren an die löslichen Ballaststoffe und einer zwangsläufigen Absenkung des Cholesteringehaltes im Blut.

Ein zusätzliches Augenmerk gilt inzwischen der Kornbehaarung. Diesbezüglich lassen sich sortenbedingte Unterschiede finden, die in Richtung auf eine Reduzierung der Behaarung zu berücksichtigen sind, da das Kau- und Schluckempfinden davon antipatisch beeinflusst wird. Derzeit werden verschiedenste Muster daraufhin gesichtet. Formen mit einer möglichst geringen Behaarung des Samens sind äußerst selten.

Parallel wird die Evaluierung (Bewertung) des in Darzau gepflegten Nackthafersortimentes hinsichtlich der Anfälligkeit gegenüber Flugbrand durchgeführt. Diese Krankheit ist samenbürtig und die Widerstandskraft gegenüber dieser Krankheit ist von besonderer Bedeutung für eine kontinuierliche Saatguterzeugung unter ökologischen Anbaubedingen.

Für die Bearbeitung von Hafer zu Speisezwecken würden wir uns über Förderer freuen, denen gerade dies eine Herzensangelegenheit ist, damit wir uns diesem Getreide mit mehr Hingabe widmen können (siehe Förderung).

Das verhältnismäßig weiche Samenkorn des spelzenfreidreschenden Hafers erfordert eine achtsame Behandlung. Leichte Beschädigungen der feinen Samenhaut führen aufgrund des für Hafer typischen, hohen Fettgehaltes zum Verderb (Geschmacksbeeinträchtigung und Keimfähigkeitsverluste). Gegenüber Spelzhafer ist das Korn auch nicht so gut gegen ein Vertrocknen nach Keimbeginn geschützt. Aufgrund höherer Verluste nach der Aussaat wird daher eine Saatstärke von 420 keimfähigen Körnern/m² (ca.120-150kg/ha) bzw. 20% mehr Körner/m² gegenüber Spelzhafer empfohlen. Bei der Aussaat ist zu berücksichtigen, dass aufgrund der von der Kornbehaarung her bedingten langsameren Fließeigenschaften der Körner im Saatkasten immer genügend Samen nachdrücken, damit später keine Lücken im Bestand auftreten.

Längere Trockenzeiten während der Vegetation führen zu festeren Spelzen und können damit das Auftreten bespelzter Körner im Erntegut erhöhen. Dem kann durch frühe Aussaat entgegengewirkt werden, wodurch der Schoßbeginn verzögert wird, so dass für die Anlage der Rispen und Ährchen mehr Zeit zur Verfügung steht. Die Ährchen sind dann wegen verlängerter Stielchen größer und die Spelzen weicher. Bei sehr früher Aussaat, insbesondere auf leichten Böden, ist bei nur geringer Saattiefe mit erhöhtem Vogelfraß zu rechnen. Deshalb sollte die Ablagetiefe mindestens 2-3 cm betragen.

Bei Ernte und Aufbereitung ist darauf zu achten, dass das Korn mechanisch nicht zu sehr strapaziert wird. Der Abstand zwischen Dreschkorb und Schlagleisten im Mähdrescher ist gerade so eng als nötig zu wählen und die Dreschkorbdrehzahl so niedrig wie möglich. Das Korn sollte auch möglichst bereits auf 15% Feuchtigkeit herunter gereift sein (Aufgrund der feinen Behaarung des Korns und seiner Weichheit wird der Feuchtigkeitsgehalt bei sinnlicher Prüfung leicht falsch eingeschätzt).

Um Qualitätseinbußen hinsichtlich des Geschmacks durch Erwärmung im Lager zu verhindern, sollte gegebenenfalls unmittelbar im Anschluss an die Ernte getrocknet oder mit Luft gekühlt werden. Bei der Aufbereitung (Reinigung) sollte die Anzahl der Arbeitsgänge zur Schonung des Korns möglichst gering gehalten werden. Die Verwendung einer Bürste zur Reduzierung der Kornbehaarung kann zu erheblichen Keimfähigkeitsverlusten führen, was im Hinblick auf die weitere Verwendung (Saat bzw. Sprießkorngetreide) zu berücksichtigen ist. Mit einer durchschnittlichen Saatgutreinigung in Verbindung mit einem Leichtkornausleser ("Tisch") kann im allgemeinen eine sehr gute Ware bei geringer Abfallgetreidemenge erhalten werden. Nach einer Umfrage unter Versuchsanbauern beträgt die Ausbeute an marktfähiger Ware bei einem nahezu vollständig spelzenfreidreschendem Hafer ca. 70% der Ernte.

Bei Verwendung der eigenen Ernte zur Wiederaussaat sollte eine technische und genetische Vermischung mit Spelzhafer vermieden werden, da Spelzhafer in Speisehafer einen natürlichen Selektionsvorteil hat und im Laufe der Jahre anteilmäßig rasch zunehmen kann. Es sollte daher auf ausreichend Abstand (mind. 500m) zu anderen Haferfeldern, insbesondere mit Spelzhafersorten, geachtet werden oder die Kernfläche extra geerntet werden. Bei den verwendeten Geräten (z.B. Sämaschine und insbesondere Mähdrescher) ist darauf zu achten, dass sie samenrein sind.

Zuletzt aktualisiert : 07.05.2012